28. Juli 2017

5 Fragen an ... Michele Ufer

 


Michele Ufer ist Mentaltrainer und internationalgefragter Experte für Sport- & Managementpsychologie. Im Jahr 2011 wurde Michele Ufer wie aus dem Nichts in der (Ultra-)Laufszene bekannt. Ohne jemals einen Marathon, Halbmarathon oder ein 10-km-Rennen absolviert zu haben, ist er nach nur 4-monatiger Vorbereitung bei einem 250-km-Wüstenrennen an den Start gegangen und hat zahlreiche erfahrene Läufer und (Semi-)Profis auf die hinteren Plätze verwiesen. Zur Überraschung der anwesenden Athleten und Organisatoren erzielte er einen sensationellen 7. Platz.



Sie haben 2011 ohne jemals längere Läufe absolviert zu haben einen 250-km- Lauf in der Atacama-Wüste bestritten. Wie sind Sie überhaupt auf diesen Marathon aufmerksam geworden und hatten Sie damit gerechnet, dass Sie 250 Kilometer so locker bestreiten können?

Das war, ehrlich gesagt, purer Zufall. Ich hatte Samstags in der Zeitung einen Artikel über diesen Lauf gelesen und war total fasziniert. Die Atacama-Wüste hatte ich mehrmals als Reiseleiter im Rahmen von Abenteuer-/Erlebnistouren bereist und als eine der schönsten Gegenden der Welt in mein Herz geschlossen. Aber dort 250 km Laufen? Unvorstellbar. Das war damals ganz weit weg, weil ich mit Laufen nicht wirklich etwas zu tun hatte. Aber ich hörte eine innere Stimme flüstern „Sowas würde ich auch gern mal können“. Ein paar Jahre später sind dann irgendwie einige Puzzle-Teile an ihren
Platz gefallen und ich habe mich auf den Weg gemacht. Ohne jemals zuvor einen Marathon oder 10-km-Rennen absolviert zu haben.

 

Der einzige, der an den Erfolg geglaubt hat, war ich selbst. Und vor Ort war es dann natürlich auch nicht alles immer nur „locker“. Aber ich habe mir ein ganzes Set an mentalen Strategien zurecht gelegt, die es vermocht haben, dass ich über mich hinauswachse und auch noch Spaß dabei habe.

 

 

An welchen extremen Läufen/Experimenten haben Sie im Anschluss noch teilgenommen und wie haben Ihre Freunde und Familie darauf reagiert?

Nach dem Atacama-Lauf war ich drei Mal beim höchsten Marathon der Welt am Mount Everest. Ein im
wahrsten Sinne des Wortes atemberaubendes Erlebnis mit einer Starthöhe von ca. 5.400 m mitten auf dem Khumbu- Gletscher. Es schlossen sich weitere Abenteuer- Läufe von 200 bis 250 km in der Namib- und Kalahari- Wüste, im Regenwald, am Polarkreis, in der Türkei und in Indien an.

 

Eine Reihe der Strategien, die mir beim Laufen sehr geholfen haben, habe ich auf andere Bereiche transferiert. Wir haben einen Dokumentarfilm produziert, der sich mittlerweile „preisgekrönt“ nennen darf. An den Erfolg hat ebenfalls niemand geglaubt, wir haben es dennoch gemacht. Mit viel Mut, Strategie, Energie und Ausdauer.

 

Mit relativ späten 42 Jahren habe ich dann mit den Arbeiten an einer Dr.-Arbeit im Bereich Sportpsychologie begonnen. Die Arbeit führte mich auf 4 Kontinente, um das Flow-Erleben von Läufern bei extremen Ultramarathon- Rennen zu analysieren.

 

 

Hat das Laufen Ihr Leben stark verändert?

Ich laufe abseits der größeren, oben genannten Events relativ wenig, man findet mich nur sehr selten bei heimischen Läufen. Auch Zeiten, Rankings und Trainingspläne sind für mich bisher zweitrangig gewesen, weshalb ich manchmal in eine vorher nicht dagewesene kleine (ok, vielleicht nicht ganz ernst gemeinte) Identitätskrise falle und mich frage: „Bin ich eigentlich ein richtiger Läufer?“. Meine innere Antwort kommt dann aber oft postwendend: „Keine Ahnung, aber ein Abenteurer, Grenzgänger und Genießer bist du auf jeden Fall und manchmal, nicht nur, ist auch das Laufen ein schönes Medium, um dies auszuleben“. Zurück zu Ihrer Frage: Die Erlebnisse und auch Ergebnisse durch die Lauferei haben mein Selbstbewusstsein, also das Bewusstsein für die in mir schlummernden Möglichkeiten und Potenziale, doch erheblich geschärft. Und das wirkt sich vielfältig positiv aus. Auch bin ich durch das Laufen mit vielen tollen, inspirierenden Menschen in Kontakt gekommen.

 

 

Sie haben ein Buch zum mentalen Training für Läufer geschrieben. Wie kamen Sie auf diese Idee und was macht dieses Buch so besonders? Mentaltrainingsbücher gibt es ja schon einige.

Ich schreibe seit einigen Jahren eine Artikelserie „Mentalcoaching in der Praxis“ für Läufer. Das Feedback dazu war und ist ausgesprochen positiv und es hat sich im Laufe der Zeit eine Menge Stoff angesammelt. Da reifte die Idee, das alles mal gebündelt und erweitert um Wissen aus der Forschung und Fallstudien aus der Coachingpraxis einem breiteren Publikum zur Verfügung zu stellen.

 

Und zugegeben wurde ich seit Jahren von einem Freund gedrängelt, ein Buch zu schreiben. Ich konnte mich lange Zeit erfolgreich wehren, dachte immer, es gibt doch genug Bücher und ich habe ja auch keine Revolutionen oder Geheimnisse anzubieten, sondern „lediglich“ vielfach vergessenes oder vernachlässigtes Knowhow. Als dann auch von anderer Seite signalisiert wurde, dass mein Knowhow und meine Art der Präsentation sicherlich auf Interesse stoßen würde, habe ich mich drangesetzt. Tja, und nun ist es tatsächlich da.

 

 

Welchen Tipp geben Sie Sportlern, die gerne ihre Leistung steigern oder an einem Ultralauf teilnehmen möchten?

Meine Lieblingsfrage. DEN Tipp habe ich leider nicht parat, weil wir alle anders ticken, andere Erfahrungen und konkrete Ziele haben. Deshalb sind pauschale Tipps nachhaltig oft wenig wirksam. Aber wie wäre es, wenn wir jetzt den Leser einfach folgendes fragen: willst du modern und ganzheitlich trainieren, um deine wie auch immer gearteten Ziele schneller, effektiver, smarter zu erreichen? Falls ja, dann könnte es eine sehr lohnenswerte Investition sein, neben den herkömmlichen Trainingsprogrammen auch die Schaltzentrale zwischen deinen Ohren, d. h. die mentalen Kompetenzen zu trainieren. Hier schlummern vielfach noch ungehobene Schätze, die zukünftig womöglich den Unterschied machen.

 

 

 

© Meyer & Meyer 
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